Gedanken auf einer Alm zum Thema Frieden

Wie bin ich hierher gekommen? Hierher, auf diese Alm, am 15. September 2022, in dieses kühle Dachgeschoss. Die Temperaturen sinken allmählich und es wird dunkel. Der Boden wird auch schön langsam unangenehm. Im Schneidersitz zu sitzen, macht mir ja grundsätzlich nichts aus. Aber auf einem Holzboden ist es doch etwas anderes als auf einer Yogamatte. Und so sollte ich also in den nächsten Tagen über inneren und äußeren Frieden reflektieren? Das kann ja was werden.

Tatsächlich verspürte ich bereits einige Jahre zuvor das Bedürfnis, Zeit auf einer Alm zu verbringen. Die »Think Weeks« von Bill Gates waren mir natürlich ein Begriff und ich freundete mich immer mehr mit dem Gedanken an, dass ich Zeit auf einer Alm verbringe und einfach einmal nachdenke und die Stille genieße.

Oftmals heißt es ja, dass man vorsichtig mit seinen Wünschen sein sollte, denn sie könnten ja in Erfüllung gehen. Den Gedanken trug ich über die Jahre immer bei mir. Konkret wurde er aber erst am 21.07.2022, als eine E-Mail in meinem Postfach landete, in der ich zu einem Achtsamkeitsretreat auf einer Alm eingeladen wurde. Das Thema des Retreats war »Innerer Friede und äußerer Friede«. Ich sagte natürlich sofort zu. 

So kam es also dazu, dass ich mich am 15. September am Vormittag zu einem Retreat aufmachte, das auf einer Alm in den Bergen stattfand. Ich war der Erste, der am Treffpunkt (bei einem Gasthaus) eintraf. Ich nahm vorne draußen Platz und beobachtete, wie die Wolken am Himmel vorbeizogen. Das Wetterschauspiel war das genaue Gegenteil von meiner »inneren Wetterlage« in diesem Moment. Bei mir zogen immer mehr Wolken auf, bis sie sich zu einer dicken Wolkendecke verdichteten. 

Ich war einfach angespannt und der Friede, um den es ja in den nächsten Tagen gehen sollte, war für mich in diesem Moment unauffindbar. In meinem Leben befand sich nämlich zu dieser Zeit vieles im Umbruch. Hinzu kam, dass auch mich die letzten Monate nicht kalt ließen. Obwohl ich eine Art »Nachrichteneskapismus« verfolgte, machten die Gespräche rund um COVID, Krieg und Energiekrise auch vor mir keinen Halt. 

Nach gut einer halben Stunde trafen die ersten Personen am Treffpunkt ein. Nach einer Stunde waren wir vollständig und mit dem Bus ging es weiter, bis wir zu einem Punkt kamen, an dem wir weiterwandern konnten. Das Wetter veränderte sich währenddessen wieder und uns ereilte eine Mischung aus Phasen des Regens und des Sonnenscheins. Vielleicht eine erste Übung, dass man nicht sofort in den Widerstand gerät? Kann gut sein!

Als wir alle oben bei der Alm ankamen, ging es um das Beziehen unserer Zimmer. Ich blickte aus dem Fenster und fragte mich, ob dieser Moment wirklich meinen damaligen Vorstellungen entsprach. Nun ja, nicht wirklich. In meiner Vorstellung war immer Sonnenschein, ich war vollkommen im Moment und freute mich einfach auf die Zeit. Die Realität sah anders aus. Auf der Alm hieß es nämlich, dass es am nächsten Tag vermutlich schneien würde. Im Moment war ich eigentlich auch nicht da, da ich eigentlich mit den Gedanken noch bei der Arbeit war. Und irgendetwas hielt mich auch davon ab, mich komplett auf den Moment und die bevorstehende Zeit einzulassen. 

Etwas später befanden wir uns alle im Dachgeschoss. Das Retreat begann nun also. Zeitgleich merkte ich, wie meine Anspannung ein wenig verflog und mich der befreiende Gedanke ereilte, dass ich nichts zu verlieren hatte. Ärger, Frust und negative Gedanken kann ich gerne verlieren, dachte ich mir. 

An diesem Abend kam auch das Wetter nochmals zur Sprache. Lebt man im Widerstand mit dem, was ist, oder kann man die Situation so annehmen, wie sie eben ist? Die Umstände urteilen nicht über uns Menschen, warum sollten wir es dann gegenüber der Situation tun? Ich war bereit, die Situation so anzunehmen, wie sie ist. 

In den Tagen darauf kam ich zu den folgenden drei Erkenntnissen.

Die Angst, die in mir schlummerte

Eine Frage, die während des Retreats gestellt wurde, war: Wo fühle ich mich getrennt und wo verbunden?

Ich dachte sehr lange in der Stille über diese Frage nach. Verbunden fühlte ich mich, wenn ich etwas Neues lernte, etwas Neues las, einer Person Fragen stellte. Doch dann veränderte sich der Gedanke und ich stellte fest, dass dies auch mit einer gewissen Furcht zusammenhängt. Die Furcht vor Abweisung, vor Unwissenheit, vor dem Ungewissen, vor dem Scheitern. 

Wissen war für mich im Grunde die Möglichkeit, meine Ängste einzudämmen. Meine Neugierde und mein Wissensdurst schufen zwar eine Verbundenheit, aber auch eine Trennung, da ich meine Ängste nicht annehmen konnte oder wollte. Kann ich mir erlauben, diese Ängste zu akzeptieren?

Im Grunde spricht nichts dagegen. Heute würde ich sagen, dass Ängste unliebsame Reisegäste sind, die uns aber dabei helfen können, mehr über uns selbst zu erfahren. Sie belagern ganze Abteilungen in unserem »Lebenszug« und selten trauen wir uns, diese Abteilungen zu betreten, geschweige denn eine Tür zu einzelnen Kabinen zu öffnen. Aber sind wir es uns nicht selbst schuldig, dass wir ohne Befürchtungen durch den ganzen Zug gehen können? In meinen Augen ist Akzeptanz der erste Schlüssel dazu.

Gehen ohne Ziel

Zum ersten Mal in meinem Leben praktizierte ich eine Gehmeditation. Und es war … merkwürdig. Denn sie fand nicht im Freien statt, sondern im Dachgeschoss. Der Boden war übrigens ein wenig uneben und in meinen Gedanken fragte ich mich, wie viele Höhenmeter wir bereits zurückgelegt hatten, während wir weiter achtsam im Kreis gingen. 

Doch nicht jede Gehmeditation fand in der Alm statt. Eine Gehmeditation führte uns beispielsweise in die Natur zu einem Bach. Wir gingen in Stille, langsam und im Gewahrsein, dass jeder Schritt einzigartig ist und eine ganz eigene Qualität beinhaltet. Unser Achtsamkeitslehrer leitete uns nach einiger Zeit dazu an, uns jeweils einen Platz zu suchen und den Moment bewusst wahrzunehmen. 


Wie kann ich besser mit meiner Umgebung umgehen? Ich sah nämlich die Natur in diesem Moment mit ganz anderen Augen. Als etwas, das viel mehr ist als ein Begriff. Als etwas, das man nur begreift, wenn man es nicht versucht zu beschreiben. Alles ist so lebendig, verbunden und untereinander steht alles im permanenten Austausch. Ein lebender Organismus, der nicht nach Wachstum strebt und trotzdem genug zum Leben hat. 


Die Möglichkeit zu geben

Ich würde behaupten, dass wir alle die Möglichkeit haben, etwas zu geben. Die dahinterliegende Frage ist: Wie kann ich in diesem Moment den größten Nutzen stiften? 

Zuzuhören, Zeit miteinander zu verbringen, jemandem ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken. All dies sind Gesten der Liebe und schaffen eine heilende Wirkung in Zeiten der Unruhe. Unsere Handlungen hinterlassen Samen und lassen unseren eigenen Samen wachsen oder verkümmern. Im Positiven wie auch im Negativen. 

All das war mir schon länger bewusst, doch das Retreat brachte es wieder mehr zum Vorschein. Doch erst, als ich diesen süßen Hund sah, der auf dem Boden lag und den ich streichelte, wurde mir eines bewusst: Ich darf mir erlauben, Dinge zu tun, die scheinbar keinen Effekt auf meinen Erfolg, mein Ansehen oder meine Zukunftsperspektive haben. 

Ich denke, dass wir uns alle erlauben dürfen, uns Zeit für uns selbst zu nehmen. Zeit für Langeweile, fürs wirkliche Nichtstun oder dafür, uns selbst mehr anzuerkennen. Erlauben wir uns das, geben wir anderen ungefragt die Erlaubnis, selbiges zu tun.

In Momenten, in denen ich losgelöst von Erwartungen und Zielen bin, fühle ich, dass der Moment genau richtig ist. Ich akzeptiere die Situation, wie sie ist, und nutze die Möglichkeiten, die mir dieser eine Moment bietet. Und genau das löst in mir einen Hauch von Frieden aus. 

PS: Während ich diesen Artikel schrieb, hörte ich »Rococo« (Kategorie: Acoustic, High Neural Effect) auf brain.fm.

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