Ein radikaler Verzicht über 9 Monate
Es ist Mittwochabend, der 17.04.2024. An diesem Abend erfuhr ich, was es bedeutet, auszuharren und wirklich mit meinen Gedanken zurechtzukommen.
Angefangen hat alles am Freitag, den 12.04.2024. Das war der erste Tag eines radikalen Verzichts. Aber auch des »Hinschauens« und des Umsetzens von neuen Gewohnheiten. Und das für die nächsten 30 Tage. Eigentlich dachte ich mir, dass das eine spannende Zeit für mich wird. Doch diese Zeit wurde zunehmend zu einer echten Herausforderung mit negativen Gedanken in den verschiedensten Ausprägungen.
Meine Strukturen und Gewohnheiten kann man sich bis zu diesem genannten Freitag wie folgt vorstellen. Ich meditierte jeden Tag mindestens für 10 Minuten und las mindestens 10 Seiten pro Tag aus einem Buch. Ich stand jeden Morgen um 03:45 Uhr auf. Breathwork machte ich hin und wieder. Ebenso stand es mit dem kalten Duschen, das ich nur ab und zu praktizierte. Social Media checkte ich einmal am Tag. Nachrichten konsumierte ich sehr gezielt. Podcasts hingegen waren ein täglicher Begleiter. Dabei hörte ich entweder Fußball- oder Business-Podcasts.
Irgendwie verspürte ich während dieser Zeit den Drang, meine Gewohnheiten zu verbessern und einen radikalen Verzicht auf diverse Dinge zu unternehmen. Meiner Meinung nach verfolgt man nämlich mit jedem Verhalten ein Ziel. Bewusst oder auch unbewusst. Also beschloss ich, dass ich in den kommenden Tagen meine Strukturen und Gewohnheiten anpassen wollte.
Konkret verzichtete ich komplett auf Medien und Podcasts. Es war auch nicht erlaubt, dass ich irgendwelche Sportergebnisse ansah. Während dieser Zeit wollte ich auch keine Musik hören. Nur brain.fm war erlaubt. Jegliche Form der Unterhaltung wurde gestrichen. Auch YouTube und Filme kamen auf die Liste. Das hatte aber nicht den Grund, dass ich YouTube oder Filme konsumierte. Ganz im Gegenteil. Beides spielte in meinem Leben keine Rolle. Der Grund war aber, dass ich keinen »Ausweg« haben wollte.
Das Spannende an uns Menschen ist nämlich, dass wir immer eine Lücke finden. Nicht umsonst werden Gesetzeslücken immer wieder geschlossen (Cum-Ex ist ein gutes Beispiel dafür). Hätte ich Filme und YouTube nicht auf die Liste geschrieben, bin ich mir sehr sicher, dass ich darauf zurückgegriffen hätte. Klar, wenn sonst alles »verboten« ist, nimmt man halt das, was übrig bleibt.
Das war also der Verzicht. Bei den Gewohnheiten sah es wie folgt aus: mindestens 30 Minuten Sport pro Tag, jeden Tag kalt duschen, jeden Tag Breathwork am Morgen, mindestens 10 Seiten lesen am Tag und mindestens 10 Minuten meditieren am Tag. Dass ich um 03:45 Uhr weiterhin aufstand, stand sowieso nie zur Debatte. Immerhin stand ich schon seit Jahren täglich um diese Uhrzeit auf und somit blieb diese Gewohnheit bestehen.
Und dann gab es noch das »Hinschauen«. Die neue Gewohnheit, die mich wieder zum 17.04.2024 führt. In diesem Kontext bedeutet »Hinschauen«, dass ich immer, wenn ich den Impuls verspürte, zu einer Ablenkung zu greifen, mich hinsetze und beobachte, was eigentlich der Grund dafür ist.
Wie bereits erwähnt: Meiner Meinung nach verfolgen wir mit unserem Verhalten immer ein Ziel. Bewusst oder unbewusst.
Die ersten vier Tage stellten kein Problem für mich dar. Doch der Mittwochabend hatte es in sich. Ich wollte mich ablenken. Normalerweise hätte ich an diesem Abend einen Podcast angehört. Eine Alternative wäre es gewesen, dass ich das Spiel FC Bayern München gegen Arsenal London in der Champions League mitverfolge. Da jedoch jegliche Form der Unterhaltung auf »Verzicht« gestellt war, blieb ich stark.
Ich lag also im Bett, verspürte den Drang, mich abzulenken, und dann versuchte ich, »hinzuschauen«. Was schlummert in mir, das diesen Drang auslöst, mich abzulenken? Heute würde ich sagen, dass ich an diesem Abend die »Büchse der Pandora« öffnete. Es entstand ein ununterbrochenes Gedankenkarussell, mit dem ich ehrlich gesagt nicht gerechnet hätte. Ich dachte mir, dass ich die Stille und das Hinschauen aushalten kann. Immerhin meditierte ich seit 2020 täglich. Doch die Gedanken wurden immer düsterer.
Ich sah mich zunehmend als eine Person, die voller Fehler ist. Es wirkte so, als ob ich zum ersten Mal in einer größeren Tiefe wahrnahm, wie viel Leid ich verursacht habe. Leid gegenüber mir selbst und natürlich anderen. Und dann kam der Punkt, an dem ich einen Fehler erkannte, der mich wirklich in Panik versetzte und der nur entstand, da ich in der Vergangenheit meinte, dass ich »über den Dingen« stehe.
Da ich keine Möglichkeiten sah, diese Gefühle und diesen Gedanken zu unterdrücken, fing ich an, mehr darüber nachzudenken. Immer mehr und immer tiefer. Aus unerfindlichen Gründen klammerte ich mich an diesem einen Fehler fest und mein Selbstbild fing weiter an zu bröckeln.
Es scheint so, als ob ich damals, als mir der Fehler unterlief, blind für das reale Leben war, als es scheinbar zu fließen begann. Irgendwann so gegen halb 1 in der Nacht fiel ich in den Schlaf. Ich war zu müde, um die Gedanken weiterzuspinnen.
Am nächsten Morgen war der erste Gedanke wieder der Fehler. Dass er mir unterlief, war bei weitem nicht existenzbedrohend. Es fühlte sich aber zu dieser Zeit so an, auch wenn sich daraus nach all den Jahren nie etwas Negatives entwickelte. Heute kann ich auch sagen, dass es kein Fehler war, sondern ich eine falsche Perspektive bei dem Gedanken einnahm. Doch zu dem Zeitpunkt war ich der festen Überzeugung, dass das die einzige Perspektive ist, die es gibt. Und erst nach Monaten verflog dieser Gedanke.
An diesem Donnerstagmorgen dachte ich mir nur, wie ich die restlichen Tage in dieser radikalen »Abstinenz« und des bewussten »Wahrnehmens« überstehen sollte. Ich war ehrlich gesagt auch überrascht, dass es da Gedanken und Leid gab, die ich über all die Jahre nicht wahrnahm. Also stellte ich meine Taktik ein wenig um. Anstatt daran zu denken, wie viele Tage mir bevorstehen, dachte ich mir nur noch: nur noch dieser eine Tag. Und dieser Gedanke begleitete mich Tag für Tag.
Jeden Tag kamen neue Gedanken und Erkenntnisse hinzu. Wie ignorant ich zum Teil war. Welchen Menschen ich nie so richtig vergeben hatte, obwohl ich es dachte. Oder warum ich manche Aussagen und Entscheidungen so traf, wie ich sie traf.
Warum nahm ich Einladungen nicht wahr? Warum wollte ich manche Freundschaften aufgeben? Warum verfolgte ich diese Ziele und nicht andere?
Alles kam ungefiltert in mir hoch, doch irgendwann erkannte ich einen Sonnenstrahl in meiner Innenwelt. Es muss so um den 23. oder 24. Tag herum gewesen sein. Zwar kamen immer noch Gedanken und Gefühle hoch, doch ich konnte besser mit ihnen umgehen. Wo vorher Trauer und zum Teil auch Tränen waren, war jetzt ein Hauch von Souveränität. Dass nur noch einige Tage vor mir lagen, motivierte mich zusätzlich. Interessant war auch für mich zu sehen, wie ich mich veränderte. Da ich nicht noch etwas konsumieren »musste«, hatte ich auf einmal Zeit, darüber nachzudenken, was ich denn stattdessen tun könnte. So entstand ein neues Hobby in meinem Leben und zwar das Kochen. Anstatt nach Podcasts zu suchen, suchte ich Rezepte. Anstatt News zu lesen, ging ich gezielt einkaufen. Anstatt Musik anzuhören, konzentrierte ich mich auf den Prozess im Kochen.
Kochen erleichterte mir diese Zeit ungemein und ich blieb dran. Konsequenterweise kam irgendwann der 30. Tag. Endlich! Für mich fühlte es sich schon normal an, dass ich keine Informationsquellen mehr hatte und bei manchen Gesprächen nicht mitreden konnte, da ich nicht wusste, was in der Welt geschah. Oder, dass ich einfach in der Wohnung sitze und nichts mache und die Langeweile freundlich begrüße.
Erst am Abend stellte ich mir die Frage, wie es jetzt wohl weitergeht. Was sollte ich nur tun? Wäre ich bereit für ein Experiment, das ich beispielsweise Podcasts in mein Leben zurückhole oder wieder anfange, gezielt Nachrichten zu konsumieren, so wie ich es früher tat? Etwas weigerte sich in mir. Es fühlte sich wie ein Flüstern an: »Nein, tu das nicht!«
Doch irgendwie verspürte ich das Verlangen, etwas zu ändern. Irgendetwas muss es doch geben, oder? Also nahm ich ein neues »Projekt« in die Hand. Ich durfte nur mehr 5x am Tag meine Mails checken. Das klang für mich machbar, denn eigentlich musste ich nur gezielter über die Öffnung meines Postfaches nachdenken. Zusätzlich hielt ich fest, dass es ein Zusatzexperiment ist und wenn ich das Experiment »abbreche« oder gegen das Ziel »verstoße«, meine bisherige Strähne mit meinen anderen Gewohnheiten und Verzichten nicht betroffen sein würde.
Als das Experiment »E-Mail-Postfach« begann, scheiterte ich in der ersten Woche bereits. Immer wieder begann ich von Neuem. Einmal verstieß ich am 27. Tag, da ich auf eine Rückmeldung wartete und so neugierig war (Dopamin lässt grüßen), dass ich mich dem Drang hingab. Immer und immer wieder startete mein Experiment von Neuem. Teilweise fühlte es sich so an, als ob ich »unbewusst« gegen das Erreichen der 30 Tage arbeite, damit es ewig mit diesen Gewohnheiten und Verzichtserklärungen weitergeht. Heute würde ich sagen, dass ich mit meinem damaligen Gefühl recht hatte.
Doch nach zahlreichen Versuchen gelang es mir, dass ich auch dieses Experiment über die Ziellinie brachte. Und auch da kam wieder die Frage: Was sollte ich nur tun? Wie geht es jetzt weiter?
Ich blieb vorerst dabei, dass es meine fixen Gewohnheiten und Verzichtserklärungen gibt und mein E-Mail-Check weiterhin als Experiment angesehen wurde. Am nächsten Tag scheiterte ich wieder mit den E-Mails. Alles andere hielt ich jedoch konsequent bei.
Insgesamt behielt ich diesen Modus mehr als 9 Monate aufrecht und ich kann mich noch gut erinnern, wann ich einen echten »Bruch« beging. Es war ein Sonntag und das Wetter schlug wirklich auf mein Gemüt. Zuerst ging ich noch mit meiner Freundin spazieren, doch meine Stimmung erheiterte sich nicht wirklich.
Nach dem Spaziergang zog ich mich um, setzte mich ins Wohnzimmer und startete eine alte Playlist von mir auf Spotify und siehe da: Sie gefiel mir gar nicht mehr.
Das war einmal mein Musikgeschmack? Ich konnte es ehrlich gesagt nicht fassen. Natürlich kam ich in diesen 9 Monaten nicht um die Musik herum. Immerhin konnte ich in Cafés und anderen Locations nicht sagen, dass die Musik abgestellt werden sollte. Es gab also Momente, wo ich Musik wahrnahm, aber es waren nicht meine Lieblingssongs.
Ich dachte mir aber in diesem Moment, dass ich, wenn ich meine Lieblingssongs von früher höre, regelrecht in Euphorie ausbreche. Doch eher war das Gegenteil der Fall. Es schien für mich so, als ob ich dieses »laute« Grundrauschen einfach nicht mehr benötige.
Doch meine Neugierde war geweckt. Was geschieht, wenn ich einmal einen Blick auf eine Nachrichtenseite werfe? Ich las zwei oder drei Artikel und auch da stellte sich mir die Frage, warum ich jemals den Drang danach verspürte, auf eine Nachrichtenseite zu schauen.
Diese klaren »Verstöße« veranlassten mich dazu, mehr zu experimentieren. In den Wochen darauf kehrte ich wieder zu einem bewussten Umgang mit den jeweiligen Handlungen zurück. Dabei stellte ich mir aber immer die Frage: Welches Ziel verfolge ich mit der Handlung? Geht es mir um ein »Rauschen« oder um die »Ablenkung« oder gibt es wirklich ein Ziel?
Nach all dem, was ich in dieser Zeit miterlebte, würde ich sagen, dass es nicht das Ziel sein kann, dauerhaft auf alles so radikal zu verzichten. Jegliche Form des Extremen kann nämlich immer eine Form der Trennung sein.
Das kann auch dann zutreffen, wenn die neuen Strukturen und Gewohnheiten scheinbar fördernd und gut sind. Denn es kann auch ein Weglaufen von der Realität sein. Heute würde ich nämlich sagen, dass eine Portion blinder Optimismus zu dieser Zeit dazugehörte. Die Welt wird nämlich nicht besser, wenn man versucht, sich davor zu verschließen. Die Welt wird besser, wenn man die Momente bewusst wahrnimmt und das Beste aus der jeweiligen Situation macht.
Welchen Beitrag kann ich leisten? Wer möchte ich in diesem Moment sein? Warum bedeutet mir das etwas? Was zählt wirklich? Was ist der nächste Schritt?
All das sind Fragen, die mich durch den Alltag tragen. Und sie finden immer dann den größten Anklang, wenn ich verzweifelt oder frustriert bin.
PS: Während ich diesen Artikel schrieb, hörte ich »Rising Winds« (Kategorie: Cinematic, High Neural Effect) auf brain.fm.