Das unsichtbare Gefängnis

In den letzten Monaten festigte sich zunehmend ein Gedanke: Wenn ich das Gefühl habe, dass das Leben an mir vorbeizieht, halte ich an etwas fest. 

Immer dann, wenn ich mich diesem Gedanken hingebe, sehe ich einen vorbeifahrenden Zug vor mir. Ich blicke dabei durch die Fenster und sehe einige Ereignisse aus der Vergangenheit. Abende mit Freunden, Zeit mit der Familie, einzigartige Momente in der Natur, Erlebnisse, die mich prägten, Menschen, die ich vermisse, und Ideen, die ich verwirklichte. 

Auch jetzt, während ich diesen Artikel schreibe, ziehen wieder unzählige Waggons an mir vorbei und jeder Waggon erzählt eine eigene Geschichte. Je mehr Waggons an mir vorbeiziehen, desto mehr nimmt die Geschwindigkeit des Zuges ab. Es wirkt so, als ob er einen Halt macht, bis er schließlich zum Stehen kommt. Ich entscheide mich, in den letzten Waggon einzusteigen. Lebhaft präsentiert sich die Vergangenheit vor meinen Augen.  

Es sind Szenen, bei denen ich weiß, dass ich dabei war. Trotzdem entsteht ein beklemmendes Gefühl. Kein Wunder, denn ich sehe gerade die Hochzeit eines Freundes wieder, die vor einigen Jahren stattfand. Es regnete stark an diesem Abend. Trotz des Wetters war es eine schöne Feier. Mehr als 100 Menschen waren eingeladen, hielten Ständchen, machten Fotos, genossen den Abend.

Meine Präsenz an diesem Abend kann man durchaus als »abwesend« bezeichnen. Am frühen Morgen an diesem Tag erhielt ich eine E-Mail von einem Bekannten. In der Mail war ein Artikel verlinkt. Es ging um die »Sogwirkung einer Marke und deren unrechtmäßige Verwendung«. Sofort schaltete mein Kopf um und unzählige Gedanken kamen hoch. Was ist, wenn mir einmal so ein Fehler unterlaufen ist? Sollte ich alte Projekte nochmals kontrollieren? Welche Auswirkungen kann so ein Verstoß haben? 

Sofort fing ich an zu recherchieren, las Artikel und Rechtsprechungen. Vor meinem geistigen Auge sah ich einige Designprojekte aus der Vergangenheit, die ich konzipierte. Der Gedanke, dass mir vielleicht bei einem Projekt einmal ein Fehler unterlief, ließ mich nicht mehr los.

Ich war an diesem Tag gedanklich nur mehr bei diesem Thema. Immer und immer wieder las ich mir Rechtsprechungen durch und sah mir alte Projekte an. Doch wie zu erwarten, ging der Tag trotzdem weiter und auch die besagte Hochzeit fand statt. Am Abend saß ich an meinem Platz, gedanklich war ich aber ganz woanders. 

Einige Eindrücke blieben mir bis heute in Erinnerung (eine Person aß ihren Nachtisch, der aus zwei süßen Kiachln und drei Kugeln Eis bestand). Auch einige Aussagen sind noch präsent (unter anderem schwärmte eine Person, wie exzellent die Knödel schmecken). Doch nichts habe ich so gut in Erinnerung wie meine »eigenen Probleme«, die ich an diesem Abend hatte. 

Erst im Laufe der Zeit wurde mir bewusst, dass es nur ein »Problem« war, da ich es als solches annahm. Die darauffolgenden zwei Wochen beschäftigte ich mich täglich mit dem Thema. Teilweise stundenlang. Ich recherchierte und kontrollierte und nach den zwei Wochen kam nichts heraus. Was bleibt, ist die reine Lehre: Ich machte mir »Probleme« von anderen zu eigen. 

Bedauerlich, denn hätte ich die Mail und die Recherchen losgelassen, könnte ich mich vielleicht heute noch daran erinnern, ob der Knödel wirklich so gut war. Aber aß ich überhaupt Knödel an diesem Abend? Offen gestanden, weiß ich es nicht. 

Weiter schweife ich durch den Waggon und betrete den zweiten. Der Waggon zeigt, wie ich mit 2 weiteren Personen golfen war. Es war eine nette Runde. Wir spielten 9 Loch und waren gut 1,5 Stunden an diesem Abend unterwegs. Als wir das Clubhouse erreichten, aktivierte ich als Erstes mein Smartphone. Endlich! 

Das Verwunderliche an dieser Situation ist, dass ich seit Jahren poste, wie niedrig meine Bildschirmzeit am Smartphone ist (ca. 25 Minuten pro Tag) und wie mir ein bewusster Umgang mit dem Smartphone gelingt. Doch alle Prinzipien wurden in diesem Moment über Bord geworfen. 

Ich wartete nämlich auf eine Rückmeldung von einer Person. Golfen ging ich nur, damit ich auf andere Gedanken komme, was nur bedingt half. Was in Erinnerung blieb, waren die Namen der beiden Herren (da wir am Ende Telefonnummern tauschten). Darüber hinaus bin ich mir noch darüber im Klaren, dass ich zwei Bälle im Wasser »versenkte«. Der Schmerz über die zwei Golfbälle war anscheinend prägender als die Gespräche, die wir zu dem Zeitpunkt führten. 

Der Waggon hält jedoch noch eine zweite Welt bereit, und zwar das Büro. Nachdem ich während des Golfens und des Beisammenseins an eine mögliche Nachricht dachte und diese nicht kam, dachte ich mir, dass ich mich mit ein wenig Arbeit ablenken kann. Was hätte man denn sonst als Optionen an einem Freitagabend?

Zirka zwei Stunden arbeitete ich. Dann erhielt ich die erwartete Nachricht und erleichtert konnte ich nach Hause fahren. Hätte ich die Nachricht auch erhalten, wenn ich mich ganz auf das Golfen und die Gespräche eingelassen hätte? Vermutlich! Und auch, wenn ich nach Hause statt ins Büro gefahren wäre? Ich denke, ja. Ich bin zwar ein Verfechter davon, dass jede Aktion eine Reaktion hervorruft, aber ich denke, ich hätte auch präsent sein können und trotzdem die Nachricht erhalten können. 

Nun gebe ich dir noch einen Einblick in den dritten Waggon. Hier befinde ich mich bei einem Hochseilgarten. Wohlgemerkt: Trotz Höhenangst. Während der Leiter dieses Kurses sprach, dachte ich nur an die Höhen und ob ich das schaffe. Immerhin befanden wir uns auf einer Höhe von 16 Metern. Während der Leiter die ersten Anweisungen gab, erwähnte er seinen Namen und sagte: »Ich höre auch auf japanische Hilferufe.«

Ich dachte mir nur: »Na toll. Was ist denn ein japanischer Hilferuf?« Ich dachte weiter daran, was geschehen kann, worauf ich achten sollte, wie ich meine Angst verdrängen kann und neuerdings auch daran, was ein japanischer Hilferuf ist. Erst im Anschluss, als ich meine Freundin fragte, was denn ihrer Meinung nach ein japanischer Hilferuf ist, teilte sie mir mit, dass der Leiter »panisch« sagte und nicht »japanisch«.

Gut, dass ich keinen Hilferuf absetzen musste, denn vielleicht gibt es einen Teil in mir, der intuitiv »Japan« geschrien hätte. 

Ich könnte dir nun weiter erzählen, welche Ereignisse sich in den anderen Waggons vorfinden, ich möchte jedoch auf eine Sache hinaus. In all diesen Situationen hielt ich an etwas fest, während das Leben an mir vorbeizog. Während ich erstarrte, war die Welt um mich in Bewegung und ich hätte ein Teil davon sein können. 

Es ist zutiefst menschlich, dass es Situationen der Angst, der Sorge, des Wunsches nach Kontrolle oder auch der Abwesenheit gibt. Trotzdem wurde mir erst über die Jahre bewusst, dass das größte Gefängnis immer das ist, das man selbst nicht sieht. 

Hätte man mich gefragt, ob ich Lösungen sehe, hätte ich immer mit Ja geantwortet. Unabhängig davon, welche Situation ich hervorziehe. Das ist aber sehr trügerisch, denn das Sehen von Lösungen bedeutet nicht, dass man frei ist. Wie vorhin erwähnt: Das größte Gefängnis ist das, das man nicht sieht. 

Und ich denke, dass wir alle, völlig egal, wie frei wir sind, in einem Gefängnis leben. Wir denken daran, was wir noch tun, erreichen, sagen, schreiben oder unterlassen müssen. Genau das ist das Gefängnis, von dem ich spreche. Aber, und das durfte ich über die Jahre immer wieder feststellen, wir können das Gefängnis sichtbar machen und verlassen. 

Was dabei hilft, sind die Fragen, die man sich selbst stellt. Ich meine: »Was könnte man stattdessen sehen?«

Ehrlich gesagt: Ziemlich viel. Denn immer, wenn ich mir diese Frage stelle, stelle ich fest, dass das Leben trotzdem weitergeht. Ich kann ein Teil von dem sein, was gerade geschieht. Aber nicht nur das, denn ich kann auch feststellen, woran ich die ganze Zeit festhalte. 

Ich kann an der Hochzeit teilnehmen, das Golfen genießen, meine Ängste hinter mir lassen. Und ich bin immer noch der Robert. Es gibt nämlich Menschen, die einen nicht dafür mögen, was man hat oder was man tut, sondern dafür, wer man wirklich ist. Denkt man von dieser Perspektive aus weiter, wäre es ja falsch, händeringend an Dingen und Gedanken festzuhalten, die außerhalb der eigenen Kontrolle liegen und dem Wandel der Zeit unterliegen.

Entscheidend ist also immer, wie du in der jeweiligen Situation wählst. Möchtest du wirklich an diesem Leben teilhaben oder lebst du lieber ein Leben, das in deinem Kopf stattfindet?

Traurigerweise halten wir gerne an Dingen fest und versuchen diese zu beschützen. Doch das Loslassen bedeutet nicht, dass man einen Teil von sich verliert. Vielmehr bietet sich die Möglichkeit, seine Meinung zu ändern und etwas Neues zu finden. Freude, Chancen, Liebe und einen Ausstieg aus festgefahrenen Gedankenmustern. 

Man sollte keine Wette mit der Zeit abschließen, denn man kann nicht gewinnen. Was zählt, ist jetzt. 

PS: Während ich diesen Artikel schrieb, hörte ich »Lost in Time« (Kategorie: Cinematic, Medium Neural Effect) auf brain.fm

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Ein Gedanke über die Zeit